Die Malteser haben Behinderten aus ganz Deutschland eine Wallfahrt in die Heilige Stadt ermöglicht
Rom. Holprig ruckeln 150 Rollstühle über das Kopfsteinpflaster des Petersplatzes – Behinderte aus ganz Deutschland sind nach Rom gekommen, um Papst Franziskus zu sehen. Eine ist Marlene Kurz aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Sie ist schon das dritte Mal in der Heiligen Stadt. Für die Wallfahrt mit den Maltesern hat sie ihren „letzten Pfennig zusammengekratzt“ wie sie sagt. Seit einem Autounfall im Jahr 1974, bei dem ihr Mann ums Leben kam und sie querschnittsgelähmt überlebte, lebt die zweifache Mutter von ihrer Witwenrente.
Der Glaube hat ihr damals Kraft gegeben – und er tut es heute noch. „Ich bin viel im Gespräch mit der Muttergottes – die versteht wunderbar Schwäbisch“, scherzt Marlene Kurz, die aus Hirrlingen bei Tübingen kommt. Dem Unfall vor 41 Jahren kann sie heute sogar Positives abgewinnen: „Ich fühle mein Leben heute viel voller. Was früher wichtig war, ist es heute nicht mehr. Ich bin mehr bei mir und meinem Nächsten und weniger bei dem ganzen äußeren Drumherum.“ Papst Franziskus sieht sie bei dieser Romwallfahrt zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht.
Etwa 20 Meter liegen zwischen dem Oberhaupt der katholischen Kirche und den Besuchern in der Audienzhalle des Vatikans. Marlene Kurz ist fasziniert. Sie ist gekommen, um sich vom Papst segnen zu lassen. Doch als sie den 78-Jährigen auf die Bühne schreiten sieht, fasst sie einen Entschluss. Nicht sie braucht die Gebete des Papstes, sondern er ihre, so meint sie: „Als ich ihn so müde und erschöpft da oben gesehen habe, wusste ich, dass ich noch viel mehr für ihn beten muss.“
Teurer Urlaub
Mehr zu geben als zu nehmen, diese Einstellung teilt Marlene Kurz mit den Helfern der Malteser. Für die Kranken ist die Romwallfahrt nicht nur eine spirituelle Reise – hauptsächlich ist sie eine Abwechslung, ein Urlaub vom mühsamen Alltag. Viele können sich so etwas finanziell kaum leisten – der Rollstuhl erschwert alles. Barrierefreiheit während der Reise und im Hotel, geeignete sanitäre Anlagen, rund um die Uhr pflegerische Hilfe und dazu noch ein Programm, das informativ und unterhaltsam ist und die eingeschränkte Belastbarkeit berücksichtigt – eine solche Reise kann schnell in die Tausende gehen. Der Malteser Hilfsdienst hat für über 200 Menschen mit Behinderung die einwöchige Romwallfahrt organisiert. Knapp 800 Euro hat die Reise für die Behinderten gekostet – Unterbringung, Verpflegung und zahlreiche Ausflüge sind darin inbegriffen.
Für die betreuenden Helfer von den Maltesern ist das ein anstrengendes Programm. Viele von ihnen haben sich eine Woche Urlaub genommen, um den Kranken die Reise zu ermöglichen. Sie machen es ehrenamtlich. Frühmorgens, gegen fünf Uhr, stehen die ersten Pfleger auf, um ihre Schützlinge zu wecken und für den Tag zu richten – Hilfe beim Duschen gehört ebenso dazu wie das Ankleiden und das Packen des Rucksacks für den Tagesausflug.
Betreuung rund um die Uhr
Bevor sich der Bus von der Unterkunft Fraterna Domus auf dem Monte Caminetto auf den Weg in die Innenstadt Roms macht, prüfen die Malteser, ob auch alle wichtigen Utensilien dabei sind – von Medikamenten bis hin zu Windeln, denn einige der Mitreisenden sind darauf angewisen. Trotz des straffen Programms, das die Malteser für die Romwoche aufgestellt haben, bewahren sie ihre Ruhe und Gelassenheit. Bis alle 33 Reisenden der Diözese Rottenburg-Stuttgart auf ihren Plätzen im Bus sitzen, vergehen schon mal zehn bis 15 Minuten. Die wenigen, die noch halbwegs fit auf den eigenen Beinen sind, schaffen es mit etwas Unterstützung aus eigener Kraft die vier steilen Stufen im Bus hinauf. Die meisten Rollstuhlfahrer werden jedoch per Hebelift in den speziell für Behinderte umgebauten Bus hineingefahren.
Mehrmals am Tag heißt es für die Helfer: Rollstühle aus dem Kofferraum des Busses holen, die Kranken in die Rollstühle umsetzen und mit dem Lift rauf- und runterfahren. Von den Maltesern beschwert sich niemand über die harte körperliche Arbeit. „Es ist einfach eine großartige Möglichkeit, die Stadt einmal zu sehen und das Erlebnis dann auch noch mit denen teilen zu können, die sonst vielleicht nie die Gelegenheit dazu hätten“, sagt Roswitha Röhrle. Die Helferin schaut zusammen mit anderen auch nachts nach den Behinderten. Und das ist auch nötig – ein Mitreisender, der demenzkrank ist, verirrt sich gelegentlich auf den Hotelfluren, wenn er zur Toilette will. In der Nacht ein waches Ohr haben und am Tag wieder vollen Einsatz für die Kranken bringen – so sieht die Romwallfahrt für die Helfer der Malteser aus.
Auf dem Kopfsteinpflaster vor dem Petersdom geht der Rollstuhl von Alfred Schmeisser kaputt – eine Schraube am Vorderrad ist abgebrochen. Der Rollstuhl lässt sich nicht mehr schieben. Der 88-jährige Schmeisser ist wackelig auf den Beinen. Uwe Neumaier, technischer Leiter der Maltesergruppe der Diözese Rottenburg-Stuttgart, hat umgehend einen Ersatzrollstuhl auftreiben können, bevor die private Führung durch den Petersdom beginnt. Für Schmeisser ist die Reise nicht nur eine Möglichkeit, die italienische Hauptstadt kennenzulernen, sondern auch mal wieder unter Menschen zu kommen. „Es geht bei der Romwallfahrt hauptsächlich darum, Gemeinschaft zu erleben und aus seinem gewohnten Umfeld herauszukommen. Viele der Kranken leben isoliert“, sagt Edmund Baur, Vizepräsident des Malteser Hilfsdienstes. Um an der Wallfahrt teilnehmen zu lönnen, müsse man weder Malteser noch Katholik sein. Der Leitgedanke der Malteser sei es, unter anderem Alte, Behinderte und Kranke zu unterstützen.
Eine Liebesgeschichte gibt es auch noch zu erzählen. Die 40-jährige Nicole Ahrens aus Isny im Allgäu ist wie ihr Partner Ulrich Detzel seit der Kindheit auf einen Rollstuhl angewiesen. Seit sechs Jahren sind sie ein Paar. In Rom haben sie sich verlobt. „Das war eine ganz spontane Idee, im Souvenirladen der Lateranbasilika die Ringe zu kaufen“, sagt Nicole Ahrens.
(Ipf- und Jagstzeitung, 24.10.2015)