Café Malta: Schunkeln gegen das Vergessen

Im Café Malta heißt es nicht "Stillsitzen"! (Foto: Schwäbische Post)

Café Malta bietet Programm für Menschen mit Demenzerkrankung – Entlastung für Angehörige

Die Namensschilder sind mit Glitzerbuntstiften verziert. Ein bisschen Bling-Bling macht eben alles leichter. Auch die Tatsache, dass die Besucher des Café Malta ihren eigenen Namen zu vergessen drohen. Sie alle sind an Demenz erkrankt. Das Café bietet ihnen das, was ihnen im Alltag oft fehlt: Normalität.

Ellwangen. Welchen Kuchen es zu ihrem Geburtstag gab, weiß sie nicht mehr. Ist ihr auch völlig egal. Schließlich gibt es heute neuen Kuchen. Und der schmeckt. Ihr Geburtstag war am Vortag – für sie schon zu lange her, um sich noch daran zu erinnern. Ihre Demenz raubt ihr die Vergangenheit. Sie lebt im Hier und Jetzt. Und im Hier und Jetzt gibt es Erdbeerkuchen, Sitztanz und Gesang. Das Lied von der „Schaffnerin“ – das mag sie besonders gern. Den Text kennt sie noch. Aus einem anderen Leben. Als sie noch mittendrin stand. Alles managte. Die Familie, den Beruf, Haus und Hof. Heute wird sie gemanagt. Von der Familie und vom Pflegedienst. Einmal pro Woche besucht sie das Café Malta, organisiert von den Maltesern. Ein Termin, an den sie sich manchmal erst erinnert, wenn sie vom Fahrdienst abgeholt wird. Manchmal erkennt sie die anderen Mitglieder der Gruppe. Manchmal auch nicht. Immer aber merkt sie: „Hier kann ich sein, so wie ich bin.“ Manchmal vergesslich, manchmal ganz die Alte, manchmal auch müde oder teilnahmslos. „Für die Angehörigen ist dieser Termin mindestens genauso wichtig wie für die Teilnehmer. Viele legen sich ihre Termine da hin oder nutzen einfach die Zeit, die sie für sich haben“, erklärt der Bezirksgeschäftsführer der Malteser, Torsten Felgenhauer.

Das Café – es ist eine Auszeit für beide Seiten. Demenzpatienten und Betroffene. Die Betreuung übernehmen ehrenamtliche Helfer, allesamt geschult durch die Malteser. Sie kümmern sich um maximal zwei Patienten. Manchmal, wenn die Krankheit schon fortgeschritten ist, wird auch eine Eins-zu-eins-Betreuung angeboten.

Herr Mayer (Name von der Redaktion geändert) fordert die maximale Aufmerksamkeit. „Der ist heute gut drauf“, bestätigt Michaela Köder, Koordinatorin des Cafés. Er singt, während die anderen Äpfel schneiden. Er schweigt, während die anderen singen. Aber auch er scheint sich wohl zu fühlen. Immer wieder ist sein Lachen zu hören. Immer wieder greift er nach der Hand seiner Betreuerin. Das Konzept hinter dem Café – es ist ein royales. Die schwedische Königin Silvia, die jahrelang ihre an Demenz erkrankte Mutter pflegte, hat es gemeinsam mit der Stiftung „Silviahemmet“ entwickelt. Grundlage des Konzeptes sind wiederkehrende Strukturen wie auch eine feste Farbgebung. „Wir verwenden beispielsweise rotes Geschirr. Rot ist eine Signalfarbe. Das erkennen die Teilnehmer immer wieder. Aus einem roten Glas trinken sie gerne. Einfach, weil sie sehen, dass es überhaupt da ist“, erklärt Michaela Köder weiter.

Begrüßung, Verabschiedung und Ablauf – jede Woche gleich. Nur minimale Änderungen gibt es im Programm. Heute werden Äpfel geschält,um sie später einzukochen „ Und um die Feinmotorik zu üben. Wir versuchen bei den Grundlagen wieder anzusetzen“, erklärt Michaela Köder. Alle Sinne sollen mit einbezogen werden. Fühlen, riechen, schmecken, sehen. Die Teilnehmer greifen zum Messer, werden immer sicherer in ihren Bewegungen. Äpfel schälen ist eben wie Fahrrad fahren. Das verlernt man nicht. Auch dann nicht, wenn die Welt in Vergessenheit zu geraten droht.

Im Café Malta werden Menschen mit Demenz von geschulten Mitarbeitern betreut. Der Nachmittag kostet 25 Euro und kann über die Betreuungspauschale oder über Verhinderungspflege abgerechnet werden. Ein Fahrdienst ist eingerichtet. Informationen erteilt Heike Schmidgall unter (07961) 9109-12.

(Schwäbische Post, 18.10.2014)


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