Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rettungsdienst,
um das Kreuz ging es im ersten Brief, im zweiten um die besondere Bedeutung des Namens eines Menschen vor den Menschen und vor Gott. Heute soll es darum gehen, mit welchem Blick wir eigentlich auf unsere Patienten schauen, insbesondere auf die, die es uns schwer machen.
Situation aus dem Alltag:
Notfallmeldung: „Hilflose Person“. Es ist Samstagnacht. Der RTW trifft nach kurzer Zeit am Westtor vom Stadtpark ein. Eine Gruppe von Obdachlosen kümmert sich um ihren Freund, der regungslos auf dem Boden liegt. Der Patient liegt auf dem Rücken und seine Ausatemluft riecht stark nach Alkohol. Seine Kleidung ist verwahrlost und er hat offensichtlich eingenässt. Der erste Vitalfunktionscheck ergibt einen desorientierten Patienten mit einer suffizient schnarchenden Atmung und stabilen Kreislaufverhältnissen.
Etwas gelangweilt spricht der Sanitäter den Patienten an: „Na Meister, da haste wohl ordentlich einen über den Durst getrunken“? Der Kollege wirft gleich ein: „Haben wir etwa Vollmond? Das ist schon der dritte Besoffene heute. Wenn das so weiter geht, sind wir für richtige Notfälle heute nicht mehr einsetzbar“. Nur widerwillig machen sich die Sanitäter an die Arbeit und versorgen den Patienten, bis sie ihn abtransportieren können.
Typisch?!
Das kennen Sie bestimmt: Sie kommen an einen Einsatzort und denken sich „Schon wieder“. Oder „War ja klar, so wie der lebt“. Es ist eine große Herausforderung für die Einsatzkräfte, bei Personen, die äußerlich einen verwahrlosten Eindruck machen, die bei uns Ekel und Abscheu hervorrufen, die uns womöglich beleidigen und Gewalt androhen, mit Respekt und Würde zu begegnen.
Auch wenn Sie dann äußerlich in den meisten Fällen sicher einen professionellen Job machen, sind Sie innerlich vielleicht nicht mit dem Herzen bei der Sache. Oder besser gesagt beim Menschen.
Das war schon im 11. Jahrhundert so
Die Malteser machen Rettungsdienst nicht erst seit gestern. Schon der Gründer der Malteser, der Selige Gerhard, hat in seinem Krankenhaus im 11. Jahrhundert einen Dienst eingerichtet, der kranke Menschen von zu Hause abholte und ins Hospital brachte. Wir können davon ausgehen, dass er es auch nicht nur mit freundlichen, höflichen, frisch gewaschenen Kranken zu tun hatte. Im Gegenteil. Auch für ihn und seine Mithelfer wird es also oft genug eine Überwindung gewesen sein, auch zu den armen, ungepflegten, unverschämten Menschen zu gehen und ihnen Hilfe anzubieten.
Zwei Tipps aus der Geschichte der Malteser
„Kommt ein Kranker in das Haus, so soll dieser aufgenommen werden … Dann soll er ins Bett getragen werden und wie ein Herr nach des Hauses Möglichkeit alle Tage liebevoll gespeist werden, noch ehe die Brüder essen.“ So steht es in der ersten Ordensregel, die Raymond de Puy (vor 1153) verfasst hat.
„Die Herren Kranken“
Im zweiten Satz benutzt Raymund ein Wort, das für die Spiritualität der Malteser von ganz entscheidender Bedeutung geworden ist: Der Kranke soll behandelt werden wie ein Herr. Schon an der Pforte gilt ihm der Empfang eines Herren, seine Bedienung erfolgt höflich und die Kranken werden auch angesprochen mit „Ihr Herren“: Nach Einbruch der Dämmerung übernahmen je zwei Ordensbrüder die Nachtwache auf den einzelnen Stationen. Es wurden Lampen angezündet, die ein mattes Licht verbreiteten, „wodurch die Kranken vor Täuschungen, Irrtümern und Bedenklichkeiten bewahrt werden sollten.“ Dann ging ein Bruder mit einer Kerze in der einen und einem Weinkrug in der anderen Hand durch die Station und rief: „Ihr Herren, ein Wein von Gott!“ Der zweite Bruder folgte ihm mit einem Wasserkrug, wobei er rief: „Ihr Herren, Wasser von Gott!“
Was für eine Umkehrung der Verhältnisse! Da wird der Kranke zum Herrn und sein Helfer zum Diener! Die Malteser waren die ersten, die diese Perspektive auf den Kranken so explizit herausgestellt haben, aber sie haben sich das nicht selber ausgedacht, sondern aus der Bibel von Jesus Christus übernommen. Beim Evangelisten Matthäus heißt es „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Das ist der Grund dafür, dass die seniorengarten.liven Kranken „wie einen Herren“ sehen: Für sie ist er „wie EIN Herr“, wobei „Herr“ damals eine Art Hoheitstitel war; und er ist „wie DER Herr“, also wie Gott. Weil das so ist, glauben sie, dass sie im Kranken Gott selber begegnen.
Wenn Sie sich darauf einlassen wollen, können Sie das ja einmal in der nächsten Zeit ausprobieren: Versuchen Sie doch einmal, diese Perspektive auf den Patienten einzunehmen. Gott ist dann gar nicht weit weg oder nicht ansprechbar, sondern er steht oder liegt direkt vor Ihnen!